Fotografieren für HDR

Eines gleich im Voraus:

Man braucht zur HDR-Fotografie keine "super-spezial-hdr-top-Profi-Kamera". Schon mit Kompaktkameras im zweistelligen bis unterem dreistelligen Preissegment lassen sich Belichtungsreihen für HDR erstellen. Teurere Kameras (und Objektive) bringen jedoch den Vorteil höherer Abbildungsqualität, weil oft die Sensoren größer sind, das Rauschverhalten besser ist, mehrere Einstellungsmöglichkeiten gegeben sind und man mehr Zubehör verwenden kann.
Auf jeden Fall sollte die Kamera zumindest eine Zeitautomatik haben. Also Blendenvorwahl, mit der die Zeit automatisch angepasst wird. Auch sollte sie eine Belichtungsreihenautomatik und eine Serienbildschaltung von mindestens 3 Bildern hintereinander haben, so dass man nur einmal den Auslöser drücken muss. Eine manuelle Einstellungsmöglichkeit ist ebenfalls empfehlenswert, vor allem wenn man mal mehr als 3 Bilder für eine Reihe braucht. Alternativ (oder noch besser parallel dazu) kann man auch mit einer eingebauten Belichtungskorrektur mehr als 3 Bilder mit unterschiedlichen Zeiten aufnehmen.
Hat man keinen zusätzlichen Fernauslöser angeschlossen oder kann man keinen an seiner Kamera anschließen, sollte die Kamera auch noch einen Selbstauslöser haben, um Verwacklungen beim Auslösen zu vermeiden. Aber den haben ja schon lange beinahe alle Kameras.

Was braucht man noch? ZEIT! HDR- und Schnappschuss-Fotografie sind "natürliche Feinde"! Sie haben gar nichts miteinander zu tun. Und auch für die Bearbeitung am PC bis zum fertigen Bild sollte man etwa 1 Stunde Zeit einkalkulieren. Das gilt auch für erfahrene HDR-Fotografen.

Legen wir also los und gehen von einer Belichtungsreihe mit 3 Bildern im Abstand von 2 EV aus:

Die Kamera auf ein stabiles Stativ stellen

Und ich meine wirklich "stabil"! Bevor Ihr also einen "modifizierten Notenständer" als Stativ benutzt, macht dann doch besser Freihand-Aufnahmen. Die 3 (oder mehr) Bilder der Belichtungsreihe müssen absolut deckungsgleich sein! Deshalb braucht man eben grundsätzlich ein stabiles Stativ. Auch wenn es den einen oder anderen "HDR-Profi" gibt, der sogar Panoramen oder Vertoramen frei Hand schießt.
Motiv mit Blick durch den Sucher oder auf das Display aufbauen. Bei Häusern und anderen Bauwerken auf gerade ausgerichtete Kanten achten.

ISO so niedrig wie möglich einstellen

Schon bei der analogen Fotografie wurden Negativ- und Diafilme ihrer Lichtempfindlichkeit nach mit ISO (manchmal auch mit ASA) bezeichnet. Je höher die ISO-Zahl, desto lichtempfindlicher - aber dann auch grobkörniger - war der entsprechende Film.
Das ist in der Digitalfotografie ähnlich. Bei jeder Kamera kann man u.a. auch die Lichtempfindlichkeit des Sensors einstellen. Waren hochempfindliche Negativ- oder Diafilme früher grobkörniger, so nimmt bei höherer ISO-Zahl in der Digitalfotografie das Rauschen zu, was sich sehr störend bemerkbar macht. Dies passiert wegen zunehmender Signalverstärkung in der Digitalkamera. Im wesentlichen liegt also der größte Unterschied zwischen der analogen und digitalen Fotografie darin, dass in der digitalen Fotografie das Erreichen kürzerer Verschlusszeiten durch Signalverstärkung statt findet, während frühere Filme schon für kürzere Zeiten hergestellt wurden, bevor man sie belichtete.

Es gibt mittlerweile tolle Möglichkeiten in vielen Softwarepaketen, mit denen man das Rauschen stark mildern oder ganz eliminieren kann. Aber oft geht das dann mit anderen Qualitätseinbußen einher.
Moderne Kameras im hohen dreistelligen bis vierstelligen Preissegment haben heute schon ein gutes bis sehr gutes Rauschverhalten. Dennoch empfehle ich für die HDR-Fotografie ISO 100 einzustellen. Damit ist man in den allermeisten Fällen auf der sicheren Seite. Sollte aus verschiedenen Gründen trotzdem rauschen auftreten, dann ist das softwareseitig oft sehr gut in den Griff zu bekommen.

Manche Nikon-Kameras haben ISO 200 als kleinste Möglichkeit. Das ist aber auch noch okay. Einige Kameras bieten sogar ISO 50. Davon rate ich aber ab! Denn dabei handelt es sich nicht um tatsächliche 50 ISO, sondern um intern interpolierte Werte, die ggf. schlechtere Ergebnisse bringen als "echte" ISO 100.

Weißabgleich einstellen

Der Weißabgleich dient einer natürlichen Farbwiedergabe bei allen Lichtverhältnissen und einer möglichst farbstichfreien Aufnahme. Es sei denn, eine besondere Stimmung im Motiv verlangt eine gewisse Farbverschiebung. Man kann den Weißabgleich schon vor der Aufnahme an der Kamera korrekt einstellen oder dies später am PC erledigen. Bisher habe ich immer in der Kamera den Weißabgleich auf Automatik stehen und passe ihn dann als einer der ersten Schritte bei der Bildbearbeitung am PC an. Damit habe ich gute Erfahrungen gemacht. Egal zu welcher Methode man sich entscheidet, die Möglichkleiten beiderseits sind vielfältig. Empfehlenswert ist es jedoch, immer im RAW-Format zu fotografieren.

Aufnahme-Dateiformat einstellen

Bei den meisten Kameras stehen hier das jpeg- und das RAW-Format zur Verfügung. (Auch) Für HDR-Bilder empfehle ich dringend, das RAW-Format in höchster Qualitätsstufe zu wählen! Das RAW-Format hat neben der wesentlich höheren Farbtiefe (12 bis 14 bit gegenüber 8 bit bei jpeg) auch viele Vorteile und Bearbeitungs-Reserven verglichen mit dem jpeg-Format.
Jpegs sind auch immer kameraseitig "optimiert" - z.B. mit der Gammakorrektur - was wir für HDR nun gar nicht gebrauchen können. Das RAW-Format ist sozusagen das "Negativ" der Digitalfotografie und muss immer am PC bearbeitet werden, was aber absolut kein Nachteil ist. Im Gegenteil. Technisch gesehen kann man auch aus jpegs HDR-Fotos erstellen. Es macht aber keinen Sinn. Die Qualität bei RAW-Dateien ist immer besser. Ganz am Ende, wenn Euer HDR-Bild komplett fertig ist, könnt Ihr es dann auf 8 bit runter rechnen und dann als jpeg speichern. Dann habt Ihr eine sehr gute jpeg-Qualität, das aber weniger Speicherplatz braucht als ein tif --> Merke: Aus RAW wird zwischenteitlich tif, was mit 16 bit eine noch höhere Farbtiefe hat als RAW. Selbst das 8-bit tif ist während der Bearbeitung dem jpeg vorzuziehen.

"optimale" normale, mittlere Belichtung ermitteln

Wie erwähnt ist es für die HDR-Fotografie wichtig, eine optimale mittlere Belichtung von (mindestens) einer unterbelichteten (- 2 EV) und einer überbelichteten (+ 2 EV) flankieren zu lassen. Weil nur dann eben die dunklere Belichtung "richtig" dunkel und die hellere Belichtung "richtig" hell sind. Leuchtet ein, oder!? Denkt mal drüber nach... Und jedes HDR-Programm braucht auch richtig belichtete mittlere Tonwerte, um die sich alles andere aufbaut.
Doch wie ermittelt man diese "optimale" mittlere Belichtung? Das ist ebenso simpel wie genial:

Kamera einschalten, LiveView (Display-Ansicht) mit Histogrammanzeige einschalten, Kamera auf den Modus manuell stellen. Dann wählt Ihr Eure favorisierte Blende (z.B. 8 oder 11), die ja bei allen Aufnahmen dieselbe sein muss. Jetzt dreht Ihr so lange das Wählrad der Kamera nach links (gegen dunkel), bis die äußerste rechte untere Spitze des Histogrammberges etwa ein Viertel vom rechten Rand nach innen entfernt ist. So sind sicher alle Lichter ohne √úberbelichtung aufgenommen. Die resultierende Zeit bitte merken.
Von dort aus mit dem Wählrad zurück nach rechts (gegen hell), bis die äußerste linke untere Spitze des Histogrammberges etwa ein Viertel vom linken Rand nach innen entfernt ist. Damit wären dann alle Schatten ohne Unterbelichtung aufgenommen.
Jetzt geht Ihr mit dem Wählrad langsam - Raster für Raster - zurück nach links, bis zu der Zeit, die Ihr Euch gemerkt habt und zählt dabei die Einraster des Wählrades. Angenommen es sind 22 Einraster dafür nötig, dann geht Ihr danach wieder 11 Wählrad-Raster zurück nach rechts, also genau die Hälfte der notwendigen Wählradraster, um den kompletten Kontrastumfang abzudecken. Schaut nochmals kurz auf das Histogramm. Im Grunde solltet Ihr jetzt die optimale Zeit / Blende-Kombination für die mittlere Belichtung gefunden haben.

Das liest sich hier vielleicht komplizierter, als es in der Praxis ist. Wenn Ihr das zwei, drei mal gemacht habt, wird es bald zur Routine und Ihr werdet staunen, wie sicher man die optimale Belichtung für jeden Kontrastumfang ermitteln kann, alleine mit seiner Kamera. Manchmal ist die ermittelte Normalbelichtung nicht hundertprozentig optimal so. Aber die Differenzen sind dann immer so gering, dass es entweder unerheblich ist oder leicht am PC zu korrigieren ist.

Einwände unangebracht.
Erfahrene Fotografen könnten jetzt einwänden, dass man mit der Nachführmessung im manuellen Bereich doch immer die "optimale" Belichtung findet. Wozu also der Aufwand?!
Nun - das ist so nicht ganz richtig. Bei der Nachführmessung im manuellen Bereich gibt die Kamera dem Bereich mit dem meisten Licht oberste Priorität und stimmt die Belichtung darauf ab, z.B. auf den Himmelsbereich. Die Landschaft fällt dann trotzdem zu dunkel aus.
Bei unserer Methode (mit dem Wählrad) beziehen wir die komplette Lichtdichte der gesamten Szene in unsere Messung. Unabhängig davon welches Motivteil heller oder dunkler ist. Vergleicht man beide Methoden, so besteht gerade bei hohen Kontrasten ein oft drastischer Unterschied.
Die Konsequenz aus der Messmethode mit dem Wählrad ist, dass alle Bilder der Belichtungsreihe mit der richtigen Lichtdichte aufgenommen werden. Die helleren Bilder haben also praktisch die richtige Helligkeitsdichte und die dunkleren Bilder haben die richtige "Dunkeldichte", weil sie ja der "optimalen mittleren Belichtung" entsprechend folgen.
Unser Bild mit der mittleren Belichtung kann beim Blick auf das Display auch etwas zu dunkel oder zu hell erscheinen. Es hat aber durch die Messmethode eben die richige Lichtdichte der kompletten Szene auf dem Sensor. Das wäre eben bei der "normalen" Vorgehensweise der manuellen Nachführmessung anders. Weil hier schon EIN TEIL des Bildes zu hell und / oder zu dunkel ist, sind eben die flankierenden Bilder in ihrer Dichte auch "falsch" belichtet.
Und wenn man sich das Prinzip der HDR-Fotografie verinnerlicht, dann kann nur die Messmethode richtig sein, die die Lichtdichte der kompletten Szene ermittelt.

Belichtungsreihenautomatik einschalten

Bei Canon wird diese Einrichtung AEB (Auto Exposure Bracketing) bezeichnet und ist meist im Menue zu finden. Diese Einrichtung also wählen und die Spreizung von -2 über 0 bis + 2 einstellen.
Man könnte auch bis an die Grenzen von -3 bis +3 gehen. Aber das ist absolut nicht zu empfehlen, weil durch die großen Differenzen Details verloren gehen. Bei 3 Einzelbildern also immer mit 2 EV arbeiten! Abschließend noch die Serienbildschaltung (wenn möglich "high") dazu schalten.

Wenn Ihr das alles eingestellt habt und die vorher ermittelte optimale mittlere Belichtung in Kombination mit der favorisierten Blende im Display zu sehen sind, dann solltet Ihr jetzt entweder ein Fernbedienungskabel anklemmen oder den Selbstauslöser (Vorwahl 10 Sek.) einsetzen.
So, jetzt nur noch den Autofokus einschalten, fokussieren, Autofokus wieder abschalten, auslösen.
Die Kamera sollte jetzt hintereinander 3 Aufnahmen mit den von Euch gewählten Einstellungen machen. Damit habt Ihr eine gute Basis für die spätere Bearbeitung am PC.

Als weitere Untersützung kann man vor der Auslösung auch noch die Spiegelvorauslösung (bei Spiegelreflexkameras) einstellen, weil auch durch den Spiegelschlag Vibrationen entstehen können. Muss man aber nicht unbedingt machen, es geht auch ohne.
Wenn Ihr das machen wollt und die Funktion im Menue nicht findet, verrate ich Euch einen Trick: Schaltet vor dem Auslösen den LiveView ein. In dieser Einstellung ist der Spiegel immer hochgeklappt.

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